Friedrich & Fritz von Bodelschwingh – Aus tausend Traurigkeiten

Kategorien Dichter und ihre Lieder
Friedrich v.Bodelschwingh um 1870

Friedrich von Bodelschwingh wurde im Jahr 1831 als Sohn der alten westfälischen Adelsfamilie derer „von Bodelschwingh“ geboren. Sein Vater Ernst von Bodelschwingh war preußischer Finanzminister in Berlin. Durch dessen Kontakte zum Haus Hohenzollern wurde Friedrich als Kind zum Spielgefährten des späteren Kaisers Friedrich III. ausgewählt.

Friedrich von Bodelschwingh war von 1842 bis 1845 Schüler am Gymnasium. Er wollte erst Bergmann werden, machte aber nach dem Abitur von 1849 bis 1851 eine Ausbildung zum Landwirt. Er wurde Verwalter eines modernen Gutshofes in Gramenz, Kreis Neustettin, in Hinterpommern, wo er zum ersten Mal mit der grossen Not der nicht Land besitzenden Bevölkerung konfrontiert wurde. Als Gutsverwalter war er dort 3 Jahre, bis zum Alter von 23 Jahren (1854) tätig.

Durch die Not, die er dort gesehen hatte, war in ihm der Wunsch entstanden, Menschen zu helfen und er wollte hierzu in die Mission gehen. Seine Eltern überredeten ihn jedoch, zunächst Evangelische Theologie zu studieren. So studierte er in Basel, Erlangen und Berlin. In Basel legte er sein erstes theologisches Examen ab, nicht aber das zweite.

Seine erste Gemeinde bekam er im Alter von 27 Jahren (1858) es war die „Evangelische Mission unter den Deutschen in Paris“. In der französischen Hauptstadt lebten damals rund 80.000 deutsche Auswanderer, die ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner (z. B. als Lumpensammler oder Gassenkehrer) verdienten. Von Bodelschwingh sammelte in Deutschland Spenden zum Bau einer Kirche und einer Schule auf dem Montmartre. Als seine Frau Ida nach der Geburt des ersten Kindes an Wochenbettdepression erkrankte, zog die Familie 1864 (Bodenschwingh 33 Jahre) auf Anraten der Ärzte zurück nach Deutschland. Von Bodelschwingh nahm eine Pfarrstelle in Dellwig bei Unna an wo er 7 Jahre „gewöhnlichen Gemeindedienst“ verrichtete.

LumpensammlerGemeindienst“ verrichtet .

Als 40 Jähriger übernahm Friedrich von Bodelschwingh 1872 die Leitung einer (1865 gegründeten) Anstalt für epileptische Kinder am Stadtrand von Bielefeld. Die Nachfrage nach Plätzen in der Anstalt war groß. Nicht nur Epilepsiekranke meldeten sich, auch andere psychisch und physisch schwer behinderte Menschen baten um Aufnahme. Bodelschwingh wurde schnell deutlich, daß eine ganze Stadt notwendig wäre und so begann er Diakonissen und Krankenpfleger auszubilden und Geld für sein Vorhaben zu sammeln. So entstand nach und nach die Stadt Bethel mit Wohnhäusern, Werkstätten und Kliniken. Er baute Zeit seines Lebens 67 Pflegehäuser, 80 Wohnhäuser, dazu 30 Wirtschaftsgebäude. Bodelschwingh sah seine Pfleglinge als Lehrer des Evangeliums und richtete eine theologische Schule ein, in der Pfarramtskandidaten neben dem Studium als Pfleger tätig sein konnten. Um einem Studenten beizubringen, wie Wanderarme und Arbeiter leben, schickt der Theologen-Ausbilder diesen drei Monate auf Wanderschaft. Diese „Erziehungsmassnahme“ trägt ihm eine kirchliche Rüge ein. Die blaue Schürze der Pfleger in Bethel wurde geradezu zu einem Markenzeichen ihres Wirkens.

Als Friedrich und seine Frau Ida bereits 5 Jahre die Leitung von Bethel inne hatte (1869) starben innerhalb von zwei Wochen alle seine vier Kinder Ernst, Friedrich, Elisabeth und Karl an Diphtherie (Keuchhusten). Der Tod seiner vier Kinder hat ihn schwer erschüttert. Später sagt er rückblickend zu dieser Zeit in seinem Leben: „Darüber bin ich barmherzig geworden“.  Bis 1877 bekam das Paar noch einmal vier Kinder.

Bodelschwingh nahm sich nicht nur der psychisch Kranken, sondern auch der Brüder von der Landstraße an. Wer an der Pforte von Bethel um Almosen bettelte, mußte, bevor er Essen bekam, eine Stunde lang arbeiten. Alles nach seinem Motto Arbeit statt Almosen lässt er jeden auf eigene Weise mitarbeiten, alle 2000 Epileptiker und die 3000 Behinderten, die sich allmählich in Bethel ansammeln. Heute noch sind 80 Personen für die „Brockensammlung“ tätig, benannt nach dem Wort „Sammelt die übriggebliebenen Brocken!“ (Joh 6,12). 9.500 t treffen jährlich in Bethel ein, Gebrauchtkleidung, Gummistiefel und Federbetten und vieles mehr.

Aber sein Wirkungskreis war grösser als die von ihm gebaute Stadt Bethel. Auch gründete gründete er in ganz Deutschland Arbeiterkolonien und als Abgeordneter des preußischen Landtags 1907 setzt er das  Wanderarbeitsstättengesetz durch. Besonders bekannt wurde die von Pastor Friedrich von Bodelschwingh 1882 im ostwestfälischen Wilhelmsdorf gegründete Arbeiterkolonie. Eine seiner letzten Gründungen im Jahr 1905 lag direkt vor der Haustür Berlins – das 15 km nördlich gelegene „Hoffnungstal“ (inzwischen Hoffnungstaler Stiftung Lobetal) – Zufluchtsstätte und Herberge für die Obdachlosen der Metropole.

1885 wurde durch Pastor von Bodelschwingh in Bielefeld die erste deutsche Bausparkasse, die Bausparkasse für Jedermann, gegründet. In den 1890er Jahren gründete er in Norddorf auf der Nordseeinsel Amrum eine Reihe von Hospizen, in denen Menschen in christlich geprägter Umgebung Urlaub machen konnten. Der Geistliche gehörte in der 20. Legislaturperiode dem Preußischen Abgeordnetenhaus an, schloss sich dort aber keiner größeren politischen Gruppierung an und wurde als „bkF“ (bei keiner Fraktion) geführt.

Friedrich von Bodelschwingh erdachte mehrere für seine Zeit ungewöhnliche und kreative Konzepte, um a) an Spenden zu gelangen und b) den Bedürftigen Arbeit zu verschaffen. So gründete er die Brockensammlung, eine Altkleidersammlung, die noch heute existiert; die in der Schweiz noch heute verbreitete Einrichtung des Brockenhauses geht wohl darauf zurück. Die Idee dazu entnahm Bodelschwingh dem Jesus-Wort aus Johannes 6,12: „Sammelt die übrig gebliebenen Brocken, damit nichts verloren geht.“ Bethel-Bewohner fanden und finden so Arbeit beim Sammeln, Sortieren und Ausbessern der Kleidung, die dann verkauft wird. Durch seine guten Beziehungen zu Kirchenleitungen und staatlichen Behörden hatte von Bodelschwingh auch keine Mühe, an Genehmigungen für Kirchenkollekten und Haussammlungen zu kommen. Zu den bekanntesten Einrichtungen gehört die 1906 ins Leben gerufene Briefmarkensammelstelle.

Die blaue Schürze der Pfleger aus Bethel wurde geradezu zu einem Markenzeichen der diakonischen Arbeit. Als das Deutsche Reich 1892 Deutsch-Ostafrika erwarb, sah sich keine Missionsgesellschaft in der Lage, dort die missionarisch-diakonische Arbeit dort aufzunehmen. Bodelschwingh gründete daraufhin kurzerhand die Bethel-Mission und rief den Freundeskreis zur tätigen Mithilfe auf. Mit den Worten ‚Nur nicht zu langsam, sie sterben sonst darüber‘, mahnte er zur Eile. Viele entsandte junge Diakonissen sterben bei der Pflege von Typhuskranken. Nach seinem Tod am 2. April 1910 übernahm sein Sohn Fritz von Bodelschwingh die Leitung von Bethel.


Fritz von Bodelschwingh

Fritz von Bodelschwingh baute Bethel in den Folgejahren noch weiter aus. Der über den ganzen Erdball reichende Freundeskreis half ihm, Bethel in den Jahren des 1. Weltkrieges und der Inflation zu erhalten. 1933 wurde Bodelschwingh zum Reichsbischof gewählt, im gleichen Jahr in dem Adolf Hitler zum Reichkanzler in Deutschland ernannt wird. Der zunehmende staatliche Druck auf die Kirche und die Gegnerschaft der Deutschen Christen ließ ihn das Amt 1936 zurückgeben. Als Bodelschwingh im Mai 1940 von den Euthanasie-Aktionen, systematische Tötung von behinderten Menschen (über 200.000 in 5 Jahren) durch das Hitler Regime erfuhr, setzte er sich vehement bei höchsten Stellen gegen diese menschenverachtenden Maßnahmen ein, erreichte aber nur, als Staatsfeind abgestempelt zu werden. Bodelschwingh weigerte sich, die von der Behörde geforderten Fragebögen über die Bewohner von Bethel ausfüllen zu lassen. Ein Haftbefehl gegen ihn wurde ausgestellt, allerdings nicht vollzogen. Bodelschwinghs unermüdlicher Einsatz und das beharrliche Gebet der Anstaltsgemeinde bewirkten endlich die Einstellung der Euthanasie in Bethel.

Nach dem Krieg wandte sich Bodelschwingh dem Aufbau Bethels, das zum Teil zerstört worden war, zu. Die Christvesper 1945 stellte er inzwischen schwerkrank unter das Motto „Aus tausend Traurigkeiten zur Krippe gehn wir still; das Kind der Ewigkeiten uns alle trösten will.“. Seine Weisung für den Weg der Kirche nach 1945: „Jede Sicherheit der Welt ist für die Kirche Christi eine ernste Gefahr. Alles, was sie ganz auf den Weg des Glaubens stellt, ist heilsames Geschenk. Je weniger äußere Hilfsmittel, desto mehr echte Liebe. Laßt uns um Weisheit und Zucht bitten, daß wir gründlich dem absagen, was so oft der tödliche Schaden der Kirche gewesen ist: Ein jeder sah auf seinen Weg. Wo immer in den verschiedenen Arbeitskreisen der Kirche Männer und Frauen zusammenkommen, um über den Neuanfang ihres Dienstes zu sprechen, da sollte man sich zuerst in der Stille unter Gottes Wort sammeln, die Vergangenheit unter seine Vergebung und die Zukunft in sein Licht stellen.“. Fritz von Bodelschwingh starb am 4.1.1946 in Bethel.

Aus tausend Traurigkeiten
zur Krippe gehen wir still.
Das Kind der Seligkeiten
uns alle trösten will.

Aus tiefer dunkler Winternacht,
quillt Kraft und neues Leben
strömt Hoffnungslicht durch Gottes Nacht,
will seine Liebe uns geben.

Aus schwerer Herzensnot hernieder
die Bitte wächst zu Dir empor
schenke aller Welt den Gottesfrieden
den sie durch Neid und Zank verlor.


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